Der von den USA entfachte Handelskrieg kann eine globale Wirtschaftskrise auslösen. Er ist zugleich die Reaktion auf jahrzehntelange Versäumnisse der etablierten Politik.

Ökonomisch sind die von US-Präsident Donald Trump verhängten Zölle Wahnsinn. Sie haben das Potenzial, eine weltweite Rezession auszulösen. Aber es würde zu kurz greifen, allein über Trumps wirtschaftspolitische Inkompetenz zu schimpfen oder über die politische Verkommenheit der Republikaner.

Denn Trumps Zölle sind nicht nur ein Fehler, sie sind auch die Reaktion auf einen Fehler. Jahrzehntelang beschworen US-Präsidenten - wie die meisten Regierungen im Westen - die Segnungen der Globalisierung. Begründete Sorgen und Ängste wischten sie mit dem Hinweis auf die positiven Effekte weg. Und mit dem Argument einer angeblich unvermeidlichen Entwicklung.

Die Globalisierung lasse sich weder aufhalten noch abstellen, sagte US-Präsident Bill Clinton vor einem Vierteljahrhundert. "Sie ist das wirtschaftliche Äquivalent einer Naturgewalt wie Wind oder Wasser. Wir können den Wind nutzen, um Segel zu füllen. Wir können Wasser zur Energieerzeugung nutzen. Wir können hart daran arbeiten, Menschen und Besitz vor Stürmen und Überschwemmungen zu schützen. Doch es hat keinen Sinn, die Existenz von Wind oder Wasser zu leugnen oder sie verschwinden zu lassen."

Frustrationen der Mittelschicht

Dabei arbeiteten gerade US-Regierungen nicht übertrieben hart daran, Menschen vor den metaphorischen Stürmen der Globalisierung zu schützen. Im sogenannten Rostgürtel der USA verfielen ganze Städte, weil Bergbau und Schwerindustrie, später auch andere Industriezweige, in billigere Länder abwanderten. Trumps Wahlerfolge sind eng mit diesem Niedergang verbunden. "Leute, die für Trump stimmten, suchten zum Teil schon seit Jahrzehnten jemanden, der dem Establishment den Kampf ansagen und die Frustrationen der Mittelschicht repräsentieren würde", sagte der US-Journalist Marc Fisher nach Trumps erstem Wahlerfolg. Diese Wähler hatten einst auf Ronald Reagan gehofft, später auf Bill Clinton und auf Barack Obama. Sie wurden jedes Mal enttäuscht.

Aus Sicht der etablierten Politik hat die Globalisierung nicht den Niedergang zu verantworten, sondern weiten Teilen der Welt ein bis dahin ungekanntes Konsumniveau beschert. Diese Perspektive ist auch nicht falsch. Sie blendet allerdings aus, dass der Wohlstand ungleich verteilt wurde. Städte wie Detroit in Michigan oder Youngstown in Ohio verloren mit ihren Industriearbeitsplätzen drastisch an Einwohnern; Ostdeutschland teilt diese Erfahrung. Was der Rostgürtel stattdessen bekam, war bestenfalls nonchalante Herablassung, schlimmstenfalls klare Verachtung: Hillary Clinton sagte über Trumps Anhänger, man könne die Hälfte seiner Anhänger in einen "Korb der Jämmerlichen" packen. Sie verlor die Präsidentschaftswahl 2016 auch wegen dieser Haltung.

Dahinter stand die Lebenslüge des Liberalismus, dass Globalisierung immer gut für alle sei. "Einer der größten Globalisierungsgewinner sind die USA", sagte der geschäftsführende Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck in einer Reaktion auf Trumps Zölle. "Dass sie das in ihrem Land nicht gerecht verteilen, ist ihr innenpolitisches Problem." Habeck hat recht: Das Problem ist nicht der Freihandel an sich, sondern die Verteilung der immensen Wohlstandsgewinne der letzten drei bis vier Dekaden. Das weltweit zu beobachtende Erstarken der Rechtspopulisten ist dort besonders groß, wo die Menschen am meisten an sozialer Sicherheit und Zukunftsperspektiven verloren haben.

Ausgerechnet die Republikaner machen sich seit Trumps Übernahme der Partei die negativen Effekte der Globalisierung zunutze, die sie selbst maßgeblich vorangetrieben haben. Jahrzehntelang waren sie die Partei des Freihandels, stärker noch als die Demokraten. Heute bedienen sie die vermeintlichen und die tatsächlich abgehängten Bevölkerungsgruppen mit ihrer Kulturkampf-Rhetorik. Dass sie dabei auch diesmal nicht die Interessen des kleinen Mannes im Blick haben, wird dieser schnell zu spüren bekommen: wenn das ohnehin teure Leben in den USA durch Trumps Zoll-Wahnsinn bald den Rahmen des Erträglichen sprengt.

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